„Die Verantwortung des Therapeuten besteht heute darin Kontexte zu bauen.“

QUINTESSENZEN ZUM FACHTAG »HELFERNETZWERKE DER GEGENWART«

Carina Bründlinger

Wie sehen unterstützende familiäre Netzwerke heute aus? Wie können professionelle Helfer*innen dazu beitragen, dass sie (wieder) entstehen? Wie kann es gelingen, in unserer individualisierten Gesellschaftskultur »ein Dorf« entstehen zu lassen, wo es gebraucht wird, um die Resilienz einer Familie und Gemeinschaft zu stärken?

»Die Verantwortung des Therapeuten besteht heute darin Kontexte zu bauen. Das macht es leichter, an die Eigenkräfte der Familien zu glauben.« (Eia Asen)

Um dieses Thema in seiner Vielfalt zu beleuchten und zu diskutieren, kamen mehr als 100 interessierte Teilnehmer*innen zum Fachtag »Helfernetzwerke der Gegenwart« am 13. Oktober 2018 auf den Pfefferberg. Die drei international erfahrenen Pioniere Eia Asen (London), Justine van Lawick (Haarlem) und Idan Amiel (Tel Aviv) berichteten von ihrer Arbeit mit Multifamiliengruppen und sozialen Netzwerken der Familien, damit sie sich gestärkt wieder als Teil einer Gemeinschaft erleben können. Nach drei Impulsvorträgen über Konzepte der Mehrfamilienarbeit/Multifamilientherapie, den Ansätzen der Neuen Autorität –Stärke statt Macht und dem Programm Kinder aus der Klemme für Familien in heftigen Trennungskonflikten brachten Pfefferwerker*innen aus Kita, Schule und Tagesgruppen Fallbeispiele ein, die in vier parallelen Dialogforen öffentlich supervidiert und miteinander diskutiert wurden. Dieses für den Fachtag selbst erdachte und erstmals erprobte Live-Supervisionskonzept wurde von den Teilnehmenden sehr gut angenommen. Inspiration, Perspektivwechsel und Vernetzungsmöglichkeiten – ganz im Sinne des Fachtags – wurden gelobt und die Resonanzen waren durchweg positiv!

»Ohne Arbeit mit dem Netzwerk haben wir keinen Erfolg! Wir können ihnen nicht helfen, wenn sie keine Unterstützer haben« (Justine van Lawick)

Verstärkt durch die Hamburger Multifamilientherapeutin Kerstin Klappstein moderierte die Radiojournalistin Ruth Kinet abschließend ein Podiumsgespräch mit allen Referent*innen zu Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Zukunftsperspektiven einer familien- und netzwerkinklusiven Sozialarbeit und Therapie. Alle waren sich einig, dass der Einbezug des Netzwerks der Familien zu allererst einen Haltungswechsel erfordert »Weg von: Ich brauche einen Experten für mein Problem, hin zu: ich werde mit Hilfe meines Netzwerks mein eigener Experte«, so Eia Asen. »Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit könne in unserer individualisierten Gesellschaftskultur wieder ‚ein Dorf‘ entstehen lassen, das dabei helfen kann, wieder zu mehr Selbstermächtigung und Resilienz zu gelangen«, meinte Idan Amiel. Auf die Frage, was das vernetzte Denken und Handeln am Berufsbild ändern würde, nannte Eia Asen gleich mehrere Auswirkungen: Die Verantwortung des Therapeuten sehe er darin, Kontexte zu bauen. Das netzwerkinklusive und multifamilientherapeutische Arbeiten mache es leichter, wieder mehr an die Eigenkräfte der Familien zu glauben. Schließlich gehe es darum, sich als Fachkraft mehr zurückzunehmen. Justine van Lawick und Idan Amiel waren sich nach jahrelanger praktischer Erfahrung sicher: »Ohne Arbeit mit dem Netzwerk haben wir keinen Erfolg! Wir können ihnen nicht helfen, wenn sie keine Unterstützer haben! «

Am Ende der bereichernden Diskussion fasste der Schlussbeitrag einer Teilnehmerin den Tag mit einer sehr klaren Botschaft zusammen: »Was wir brauchen, ist Menschlichkeit! Wenn wir das überall verbreiten, dann ändert sich auch die Haltung! Ich gehe heute hier raus mit ganz viel Hoffnung – das war ein toller Tag!

Carina Bründlinger leitet das PUK –Berliner Zentrum für Präsenz und Kompetenz in Beziehungen der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH

Weiterführende Links

>> Kinder aus der Klemme – Arbeiten mit Netzwerken (youtube-Link)
Vortrag von Justine van Lawick anläßlich des Internationalen Fachtags Helfernetzwerke der Gegenwart – Stärkung von sozialen Netzwerken und Familienbeziehungen, 13. Oktober 2018, Pfefferberg
>> Audio-Datei: Brief eines Vaters an sein Kind (mp3-Datei, 1:30 min)
Beispiel einer Präsentation von Eltern im Programm Kinder aus der Klemme – vorgetragen von Justine van Lawick anläßlich des Internationalen Fachtags Helfernetzwerke der Gegenwart – Stärkung von sozialen Netzwerken und Familienbeziehungen, 13. Oktober 2018, Pfefferberg
>> „Stärke statt Macht – Das Konzept der New Authority“ (youtube-Link)
Abendvortrag von Idan Amiel am 17. Oktober 2017 auf dem Berliner Pfefferberg
>> Gewaltfreier Widerstand und New Authority in der Familientherapie (youtube-Link)
Prof. Haim Omer beantwortet in einem kurzen Video (40 min) Ben Furmans Fragen u.a. über Gewaltfreien Widerstand, Neue Autorität, Elterliche Präsenz, Wachsame Sorge und Unterstützernetzwerke

„Neue Autorität“ – Das Original aus Israel in Berlin

Weiterbildungen mit dem »Original« aus Israel

Mit einem Vortrag und dem ersten Basistraining startete im Oktober 2017 unsere vielversprechende Kooperation mit »balagan« und dem Team vom New Authority Center (Tel Aviv, Israel). Fachkräfte aus Kitas, Schulen, Jugendhilfe- und Beratungs- sowie psychiatrischen Einrichtungen nahmen am ersten dreitägigen Basistraining teil, das von einem Team aus vier Mitarbeiter/innen der Beratungsstelle am Schneider Children‘s Medical Center in Tel Aviv (Israel) durchgeführt wurde. Gerade in Krisensituationen vermittelt das Konzept der Neuen Autorität Eltern, was sie konkret für ihre Beziehung zum Kind tun können, und stärkt somit unmittelbar die unsicher gewordene Bindung. Eltern werden ermutigt und angeleitet, für Klarheit, Präsenz und Deeskalation innerhalb der Familie und des sozialen Netzwerks zu sorgen. Gerade auch an Schulen hat es sich bereits bewährt. Hier sind es Eltern und Lehrkräfte, die ein Bündnis gegenseitiger Hilfe und Unterstützung bilden. Ursprünglich von Haim Omer und Idan Amiel in Israel entwickelt, wird dieser auf dem Konzept des gewaltfreien Widerstandes basierende Arbeitsansatz bereits in vielen therapeutischen und beratenden Einrichtungen in Deutschland, England, Holland und der Schweiz praktiziert.

Die Weiterbildungen werden vom New Authority Center zertifiziert und sind als Bildungsveranstaltung gemäß Berliner Bildungsurlaubsgesetzes anerkannt. Vortrag und Workshops 2018 werden über Kopfhörer synchron aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt (detaillierte Infos siehe unten). Die Zahl der Teilnehmer/innen in den Workshops ist auf 32 begrenzt. Anmeldungen puk@pfefferwerk.de

Christoph Klein | Kooperation Jugendhilfe – Schule | klein@pfefferwerk.de

Basistraining (3 Tage)
Grundhaltung des Konzepts des gewaltfreien Widerstandes, Präsenz der Eltern und Erziehungsbeauftragten, Handlungsansätze des Konzepts „Neue Autorität“, sowie die Bedeutung, Einführung und Anwendung des Unterstützer-Systems.
Wann & Wo: April 2019, jeweils 9.30 -16.30 Uhr, Pfefferberg
Teilnahmegebühr: 485 Euro inklusive Pausen- und Mittagsversorgung
Anmeldung bis 31.12.2018 (max. 32 Teilnehmer/innen)

>>> Weitere Infos (Link)

Trainer/innen Workshop (2 Tage)
Anhand von Falldarstellungen dient der Workshop dem Austausch und kritischen Dialog der Teilnehmer/innen untereinander zur Professionalisierung der eigenen Praxis und Implementierung im eigenen Handlungsfeld. Voraussetzung einer Zertifizierung als professionelle/r Trainer/in vom New Authority Center sind das Basistraining, Praxiserfahrungen und Supervision.
Wann & Wo: 11.-12. Oktober 2018, jeweils 9.30 -16.30 Uhr, Pfefferberg
Teilnahmegebühr: 390 Euro inklusive Pausen- und Mittagsversorgung (für Externe)
Anmeldung bis 31.07.2018 (max. 32 Teilnehmer/innen)

>>> Weitere Infos (pdf)

Die Zusammenarbeit mit dem New Authority Center ist eine Kooperation zwischen mit dem balagan – Privatzentrum für Therapie. Weitere Informationen zum Berliner Zentrum für Präsenz und Kompetenz in Beziehungen (PUK) unter: www.praesenzundkompetenz.de | puk@pfefferwerk.de