Idee & Konzepte

zu sehen ist eine Nahaufnahme mit mehreren geflochtenen Schiffs-Tauen, die übereinander liegen

R. Sturm, pixelio.de

„Es ist eine allgemeine Erkenntnis, dass Menschen in Konfliktsituationen für das eigene Problem meist eine eingeengte Sichtweise haben, aber eine hohe Sensibilität für ähnliche Probleme anderer. Diese Einsicht stand am Anfang der Multifamilientherapie (MFT), die in den USA und Großbritannien entstanden ist und zuletzt im deutschsprachigen Raum ganz neue Anwendungsbereiche erobert hat, so etwa in der Schul-, der Kinder- und Jugendsozialarbeit.“
(Asen & Scholz 2017)

Multifamilientherapie / Multifamilienarbeit

Paradigmenwechsel in der Rolle der Fachkräfte

Betreuer/innen und/oder Therapeut/innen sollten nicht die „besseren Eltern“ sein wollen. Stattdessen sollten sie die tatsächlichen Eltern dabei unterstützen, die untrennbar mit ihrer Elternrolle verbundende Verantwortung wahrzunehmen zu können. Der systemische Ansatz in der Multifamilientherapie / Multifamilienarbeit gibt das traditionelle Rollenverständnis des „Helfers“/der „Helferin“ mit einer allein fürsorglich-betreuenden Haltung auf. Erst dieser Paradigmenwechsel ermöglicht eine familienzentrierte Betreuung, Beratung und Therapie – im Unterschied zu einer allein kindzentrierten. (vgl. Scholz 2017)

Gemeinschaft stärken

Mit Kindern arbeiten sollte immer auch heißen, mit ihren wichtigen Bezugspersonen zu arbeiten. Verglichen mit der Bedeutung, die das Miteinander in ihrem sozialen Umfeld für sie hat, verbringen sie meist nur kurze Zeit ihres Lebens in Begleitung von Fachkräften. Beim Arbeiten mit Mehrfamiliengruppen unterstützen die Fachkräfte Familien darin, aktiv zu werden und für sich zu entdecken, wie sie selbst ihre Konflikte entschärfen können und was sie voranbringt. Etwas, was schwierig ist, geht alle an und daher sind Veränderungen eine Gemeinschaftsaufgabe.

Was die Arbeit mit Mehrfamiliengruppen nachweislich so wirksam macht:

  • Familien bleiben auch mit unangenehmen Gefühlen und Erfahrungen nicht allein
  • Familien überwinden eine soziale Isolation und erleben Solidarisierung
  • Familien werden mit ihren Kompetenzen gewürdigt, eigene Ressourcen werden gestärkt und sie erleben sich selber als wirksam
  • Familien werden ermutigt und gewinnen wieder Hoffnung auf eine bessere Zukunft
  • Familien erleben konstruktive Unterstützung und lernen voneinander
  • Durch einen kontinuierlichen Austausch von Beobachtungen, Erfahrungen und Feedback  erhalten Familien neue Perspektiven

Multifamilientherapie in der Schule (FiSch)

Familienbeziehungen beeinflussen natürlich auch das Verhalten von Kindern in der Schule und somit auch das Lernen und den Lernerfolg. Inspiriert vom Londoner Family Education-Programm aus den 80er Jahren, das als Marlborough Modell bekannt wurde (vgl. Asen et al. 2001), entwickelte das HELIOS-Klinikum in Kooperation mit der Schule Hesterberg in Schleswig den Ansatz Familie in Schule (FiSch). In einem FiSch-Team arbeiten Lehrkräfte und therapeutische Fachkräfte zusammen mit Familiengruppen. Vorteile der Multifamilientherapie werden auf die Zusammenarbeit von Familie und Schule übertragen:
In Kleinklassen und unter festgelegten Rahmenbedingungen nehmen Väter, Mütter oder auch andere Familienmitglieder gemeinsam mit anderen Eltern am Unterricht ihrer Kinder teil. In Abstimmung mit den Lehrkräften unterstützen sie ihre Kinder, Lernaufgaben zu lösen und ihre selbst gewählten Wochenziele zu erreichen. In großer Runde werden Ergebnisse beim Erreichen der Wochenziele präsentiert, besprochen und Erfolge gewürdigt.

Was die Zusammenarbeit von Familien mit Schule nachweislich so wirksam macht:

  • Eltern verschaffen sich selber einen Eindruck von der schulischen Situation ihres Kindes und seines Verhaltens.
  • Eltern zeigen Präsenz und Verantwortung im schulischen Leben des Kindes und vermitteln die Botschaften: „Wir nehmen uns Zeit füreinander!“ „Wir sind da, auch wenn es schwierig ist!“ „Wir versuchen zusammen weiterzukommen“ „Gemeinsam schaffen wir es!“
  • Elternhaus und Schule arbeiten zielorientiert zusammen
  • Erfahrungen aus den Familienbeziehungen können in der Schule als Ressourcen genutzt werden: „Was braucht ihr Sohn jetzt, um sich wieder zu beruhigen?“ „Wie könnte jetzt helfen, dass ihr Sohn wieder mitarbeitet?“ „Wie könnten Sie Ihrer Tochter jetzt zeigen, dass Sie sich über ihr Verhalten freuen?“
  • Kinder erleben ihre Mütter/Väter (wieder) als aktiv, kompetent und im Kontakt mit Schule
  • Entwicklungsprozesse und Lern-Erfolge werden gemeinsam gewürdigt und steigern die Lernmotivation
  • Im Umgang mit ihren Kindern erweitern Eltern ihre Handlungsmöglichkeiten, was die Eltern-Kind-Beziehung stärkt

Netzwerkarbeit – Helfernetzwerke der Gegenwart

Ganz im Sinne der Redewendung „Es braucht ein ganzes Dorf, damit Kinder sich gut entwickeln“ ist das Vorhandensein und Einbeziehen wichtiger  Personen aus dem sozialen Netzwerk der Familien ein wichtiger Faktor zum Erreichen wünschenswerter Ziele. Alle Ansätze, denen so ein gemeinschaftlich orientierter Weg mit Familien gelingt, tragen erfolgreich zur „Rückkehr“ und der für Kinder so wichtigen „Ankerfunktion“ (Omer & Streit 2016) verantwortungsvoll handelnder Eltern bei. Mithilfe der Unterstützung ihrer sozialen Netzwerke wird die Resilienz der Gemeinschaft gestärkt und Hilflosigkeitserleben und Überforderungssituationen überwunden. Entscheidend dafür ist auch hier das (neue) Selbstverständnis der Professionellen, auf die Wirksamkeit einer solchen „soziale Arena“ und ihrer Kompetenzen zu vertrauen.
Neben multifamilientherapeutischen Konzepten widmen sich auch Ansätze der sogenannten Neuen Autorität (Omer & Streit 2016) und das Familiengruppenprogramm Kinder aus der Klemme (Lawick & Visser 2017) für hochstrittige Eltern in Trennungen auf beeindruckende Weise und sehr erfolgreich diesem Anliegen.

>>> Fachkonferenz am 13. Oktober 2018 auf dem Pfefferberg in Berlin
Helfernetzwerke der Gegenwart -Stärkung von sozialen Netzwerken und Familienbeziehungen in Sozialarbeit und Therapie – mit Justine van Lawick, Eia Asen und Idan Amiel

>>> zu den Projekten…
>>> zu den Weiterbildungen…

Weiterführende Links zum Thema

Online-Artikel
Haake, U. & Klein, C. (2014): Mehrfamilienarbeit in der Tagesgruppe bei Plan B an der Reinhold-Burger-Schule
Wengler, S. (2014): Multifamilientherapie und systemisches Netzwerken

Internetseiten
Familie in Schule (FiSch)
Forschungsarbeiten zu FiSch bzw. zu FiSch-Projekten
I.W.E.S. Institut für Weiterbildung und Entwicklung Schleswig
Multifamilientherapie Institut Dresden

Literaturangaben und -empfehlungen

Asen, E. Dawson, N. & McHugh, B. (2001): ‚Multiple Family Therapy: The Marlborough Model and its Wider Applications. Karnac, 124 S. ISBN-13: 978-1855752771 (Buchbesprechung)
Asen, E. & Scholz, M. (2012): Praxis der Multifamilientherapie. Carl Auer Verlag, 165 Seiten. ISBN 978-3-89670-662-1 (Buchbesprechung)
Asen, E. & Scholz, M. (Hrsg.) (2017): Handbuch der Multifamilientherapie, Carl Auer Verlag, 443 Seiten, ISBN 978-3-8497-0192-5
Behme-Matthiesen, U. & Pletsch, T. (Hrsg.) (2012): Handbuch Familienklasse. Multifamiliencoaching im Unterricht. Shaker Verlag, 186 Seiten ISBN-13: 978-3844006902
Behme-Matthiesen, U. & Pletsch, T. (Hrsg.) (2016): Praxis Familiengruppe. Materialien zur Multifamilientherapie (Berichte aus der Pädagogik). Shaker Verlag, 140 Seiten ISBN-13: 978-3844044454 (Inhaltsübersicht als pdf-Datei)
Omer, H. & Streit, P. (2016): Neue Autorität: Das Geheimnis starker Eltern, Vandenhoeck & Ruprecht, 152 Seiten ISBN 978-3-525-49158-4 (Buchbesprechung)
Scholz, M. (2017): Paradigmenwechsel in der Therapeutenrolle. In: Asen, E. & Scholz, M. (Hrsg.) 2017: Handbuch der Multifamilientherapie, Carl Auer Verlag, S. 25f.
van Lawick, J. & Visser, M. (2017): Kinder aus der Klemme – Interventionen für Familien in hochkonflikthaften Trennungen. Carl Auer Verlag, 195 Seiten, ISBN 978-3-8497-0170-3